Sehr geehrte Damen und Herren,

wir, die unterzeichnenden Theaterbesucherinnen und –besucher, Künstlerinnen und Künstler, Theaterensembles, Künstlerkollektive, Produktionshäuser und Theaterinstitutionen, möchten mit diesem Schreiben unser großes Unverständnis darüber ausdrücken, dass die Stadt Marburg plant, die künstlerische Arbeit des seit 1983 in Marburg existierenden Theaters „german stage service“ zu ruinieren, sei es durch 12%ige Kürzung (Magistrat) oder gar durch 100%ige Streichung (CDU).

Die Bedeutung von german stage service für Marburg, für Hessen, für bundesweite Netzwerke und für bundesweite und internationale Kooperationen wird hier anscheinend fahrlässig unterschätzt.

german stage service erarbeitet qualitativ hochwertige Produktionen. Die Einladungen zu den wichtigen Festivals „Impulse“, „Politik im freien Theater“, „Made in Hessen“ und den „Hessischen Theatertagen“ belegen dies.

german stage service bereichert Marburg durch internationale Kooperationen und durch Festivals wie „Exciting Neighbours“ mit Ensembles aus Mexiko, Peru, Italien, Schweiz, Niederlande, Irland, England, Österreich, Polen und Russland.

german stage service ist seit 25 Jahren bekannt für außergewöhnliche Inszenierungen an theaterfremden Orten und war mit dieser Art der Theaterarbeit in England, Irland, Polen, Italien und Österreich eingeladen.

german stage service ist als einziges hessisches Residenztheater unverzichtbar für das bundesweite Modellprojekt „flausen – young artists in residence“.

german stage service betreibt nachhaltige Nachwuchsförderung, sei es durch das Festival „FÜR DICH FÜR DICH FÜR DICH“, auf dem junge innovative Kunst aus Hessen in den Bereichen Theater, Performance, Tanz, Installation und performative Konzerte präsentiert wird, sei es durch das „Junge Ensemble“, in dem Jugendliche Theater für Erwachsene machen, sei es durch die „Marburger Kinderkonferenz“, wo mit Marburger Kindern zwischen 8 und 13 Jahren über die Themen Stadtwahrnehmung und Stadtentwicklung geforscht wird oder durch das in den Startblöcken stehende „Mittelhessische Zentrum für Nachwuchsförderung“.

Bei german stage service gehört Partizipation und Teilhabe, wie sie vielfach gefordert wird, längst zum ästhetischen Programm: 2015 wurde das Ensemble „Deine Welt“ gegründet, in dem Jugendliche aus Marburg mit unbegleiteten jugendlichen Geflüchteten zusammen arbeiten, wodurch ein wesentlicher Beitrag zum friedlichen und kreativen Zusammenleben geleistet wird. Ihr erstes Stück ist zu den Hessischen Theatertagen 2017 eingeladen!

german stage service ist Gastgeber des hessischen Festivals „MADE“ und der Theatergruppen des ACTeasy Jugendtheaterclubs und der Blindenstudienanstalt Marburg.

Einen solchen, in seinem künstlerischen Programm und seiner Wirkung einzigartigen Kulturort durch mangelnde bzw. fehlende Förderung in seiner Existenz zu bedrohen oder gar ganz abschaffen zu wollen, ist unserer Ansicht nach gerade in der aktuellen politischen Situation und angesichts der Auseinandersetzungen um die weitere Entwicklung der Zivilgesellschaft eine völlig falsche und auch nicht wieder gut zu machende Entscheidung.

Deshalb warnen wir eindringlich vor der Umsetzung der Kürzungspläne.

german stage service braucht eine klare langfristige Zukunftsperspektive.

Marburg – und nicht nur Marburg – braucht german stage service.


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Der Zuschuss der Stadt Marburg für german stage service ist im Entwurf des Haushaltes um 12% gekürzt worden.

Ebenso sind andere Kultureinrichtungen mit 6 – 12% von den Kürzungen betroffen. Auf der homepage der Stadt heißt es dazu: Wir müssen sparen. Gleichzeitig dürfen die Konsolidierungsbemühungen nicht auf dem Rücken derjenigen ausgetragen werden, die auf Unterstützung, die Strukturen und die Organisation des Gemeinwesens angewiesen sind“, machte Spies (Oberbürgermeister) in seiner Haushaltsrede deutlich. Deshalb wolle er bestehende soziale- und kulturelle Angebote erhalten und dort mehr Mittel ausgeben, „wo es Ausgrenzung, egal aus welchem Grund, verhindert“.
Diese Aussage trifft leider auf uns nicht zu. Wir sind damit am Ende der Fahnenstange angekommen. Unter Berücksichtigung des Kaufkraftverlustes war der german stage service zur Verfügung stehende Zuschuss im Jahr 2014 um gut 20000 Euro geringer als im Jahr 1999.

2015 beantragte german stage service daher eine Erhöhung um 20000 Euro, um damit die Theaterarbeit mittelfristig zu sichern. Davon wurden als ein erster Schritt 10000 Euro im Doppelhaushalt 2015/2016 genehmigt, so dass 78000 Euro für die Theaterarbeit und zur Deckung der Betriebskosten im Theater im g-werk zur Verfügung standen. 2017 beantragte german stage service dann als zweiten Schritt die Erhöhung um 11000 Euro. Eine Kürzung um 12 Prozent heißt für uns 9360 Euro weniger statt 11000 Euro mehr.

Auswirkungen:

1) Auf die Personalsituation:

– ein Arbeitsplatz muss komplett gestrichen werden (und zwar von heute auf morgen!).
– ein zweiter Arbeitsplatz kann nur noch zur Hälfte finanziert werden.

2) Auf die Produktionen:

– Die geplanten Vorhaben (2 Festivals, 2 Jugendprojekte, 3 Neuproduktionen, 1 Forschungsresidenz) müssten von 2,5 Menschen geplant, erarbeitet und durchgeführt werden, was auf der einen Seite zur kompletten Überforderung und auf der anderen Seite zum Qualitätsverlust führt.


3) Auf die Gesamtsituation & auf die Zukunft von german stage service

– Der eingeleitete Prozess eines Generationswechsels durch den Einstieg junger Künstlerinnen und Künstler wird ausgebremst.

– Langfristige Pläne wie die Entwicklung eines „Mittelhessischen Zentrums für Nachwuchsförderung“ müssen auf Eis gelegt werden.

– Überregionale und internationale Vernetzungen und Kontakte können wegen Personalmangel nicht mehr entwickelt und gepflegt werden.

4) Fazit:

Eine Kürzung heißt für uns nicht „Mit ein bisschen weniger auskommen müssen“, sondern sie bedeutet „Kahlschlag“, denn:

– Die Arbeit ist mit weniger Menschen nicht zu bewältigen.

– Einfach weniger machen ist für uns keine Alternative.

– Eine langfristige Perspektive zu entwickeln, wird unmöglich gemacht.

– In der Startphase befindliche Projekte müssen abgeblasen werden.

– Die Künstlerinnen und Künstler, denen wir keine Perspektive mehr bieten können, wandern aus Marburg & Hessen ab.

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