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Wie wird deine Krankheit genannt? – könnte ich sie fragen.
Sie wird mich angucken. Lächelnd wird sie aufstehen.
Ich könnte sehen, dass das gar nicht einfach für sie sein wird.
Dann wird sie ihren Gehstock hoch in die Luft heben, um in die Höhe, in die
Finsternis zu zeigen.
Siehst du den Berg? – wird sie mich fragen.
Da muss ich hin. Jeden Tag. Und ich bin hier unten. Jeden Tag.

Projektbeschreibung Dimensionen

I may laugh – I may smile
May seem happy for a while
But the truth is under my skin
Can’t get back to where I’ve been.”

(aus dem Song “Glow” von Taika / Steffi Tauber)

aufdenbergundindieauen” – ein Motto, das an Vieles denken lässt, an Luft, an Wanderungen, an Genuss, an Ausblicke, an Weite, an Bewegung – vor allem an Bewegung. Dennoch war eines der ersten Wörter, die beim Nachdenken über das Motto gesagt wurden, Unversehrtheit. Was, wenn eine Krankheit oder ein körperlicher oder seelischer Zustand verhindert, aufdenbergundindieauen zu gelangen, wenn eine Behinderung Berge und Auen zu schwer erreichbaren Sehnsuchtsorten macht.

Behinderung – was ist das? Wer ist behindert? Wer nicht?

Laut der Definition im deutschen Sozialgesetzbuch IX (§2 Absatz 1) sind Menschen behindert, „wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweicht und daher ihre Teilhabe am Leben der Gesellschaft beeinträchtigt ist.” Klingt nachvollziehbar. Wichtig dabei ist jedoch der Hinweis, dass „Behinderung“ und „Gesund-Sein“ immer über die jeweiligen gesellschaftlichen Normvorstellungen definiert werden. Wie diese Normen auszusehen haben und wer in einer Gesellschaft als behindert gilt, hängt von unausgesprochenen und gesetzlich festgelegten Norm- und Wertevorstellungen ab, die für viele Menschen oft schwer überwindbare Hindernisse darstellen. Behinderungen sind zum überwiegenden Teil nicht angeboren. Bei den meisten betroffenen Menschen tritt eine Behinderung erst im Laufe des Lebens, häufig infolge einer Krankheit auf. Es gibt auch nicht „die“ Behinderung, sondern viele unterschiedliche Arten von Behinderungen. Viele sind nicht zwangsläufig „sichtbar“, viele chronische Erkrankungen oder seelisch/emotionale Behinderungen z.B. können nicht sofort wahrgenommen werden. 

2 Frauen. Beide Künstlerinnen.

Die eine um die 40.
Steffi Tauber aka Preslisa aka Taika, Sängerin, Autorin und Schauspielerin.
Seit 2004 in 8 Produktionen von german stage service auf der Bühne.
Seit 2007 erkrankt an (behindert durch) Multipler Sklerose.

Die andere über 60.
Graciela Gonzalez de la Fuente aus Mexiko. Regisseurin, ehemalige Tänzerin.
Seit 2007 an 10 Produktionen von german stage service beteiligt.
Behindert durch (erkrankt an) Altersmelancholie.

I’m Shaking, I’m Sore, I’m Staggering, I have MS. But I’m still standing. And I’ll keep on walking. And I’ll keep on dancing. And I make Music. My Songs help me make Sense. And life is pretty beautiful again. These are my Survival Songs. Hope, they do something for you, too…(Taika / Steffi Tauber)

Als ich in Mexiko mit dem klassischen Ballett anfing, war ich in gewisser Weise schon behindert, denn ich war ja schon 21. Ein Alter, in dem die meisten Ballettschüler die Ausbildung eigentlich beenden. Alle sagten: „Du bist viel zu alt, du kannst nicht Tänzerin werden!“ So fing meine Geschichte mit dem Tanz an, mein Alter war von Anfang an meine Behinderung. Ich musste emotional und physisch immer extrem viel überwinden, um im Tanz weiterzukommen. Vielleicht ging es dabei ja die ganze Zeit nur darum, etwas zu überwinden, was so unüberwindbar schien.“ (Graciela Gonzalez. de la Fuente)

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Im Mittelpunkt stehen die Biografien der beiden Frauen.
Fragmente, Spuren, Lebenszeichen.
Wer war ich früher? Wer bin ich heute?
Wo kreuzen sich ihre Lebenswege?

Schon im Kindergarten machte die Erzieherin meine Eltern auf mein Talent für das Malen aufmerksam. Sie wusste nicht, dass das der Anfang vom Ende meiner „Karriere“ als Malerin war. Von da an widmete sich mein Vater der besonderen Aufgabe, mich von der Kunst fernzuhalten. In der Notaufnahme des Krankenhauses fragte mich ein Arzt: Warum sind sie nicht vor die U-Bahn gesprungen? Das hätte mit Sicherheit geklappt. – Kurz danach organisierte mir eine Tante eine Arbeitstelle als Sekretärin in einen Versicherung. Ich war 19. Es war ein Abgrund. Mein Doppelleben begann. Ich verwandelte mich in eine hochprofessionelle Lügnerin.

Take a broken Feather / Make it fly / Find out, what you’re made for / Now’s the time
Nobody can tell you what to do / Nobody should even try
The universe is in your head and that’s cool
Time to travel further / Close your eyes / The world is spinning your way / Nine to five
Following your own speed, don’t look now / Yesterday ain’t coming back
This life has thrown you off the tracks but that’s cool
Take a broken star and make it shine / Stretch your thoughts and breath in /
Now’s the time / Nobody will tell you what to do / Nobody will even try
The universe is in your head and that’s cool

Das Projekt ist der Versuch, die Dimensionen zweier unheilbarer Prozesse zu verstehen und die in sie eingeschriebenen Limitierungen und Hindernisse freizulegen und womöglich zu überwinden.

Steffi Tauber: „ Kann der Tanz mich noch bewegen?“
Graciela Gonzalez: „Könnte der Tanz mir noch begegnen?“

Es geht nicht um Kunst, auch nicht um bloßes Können. Es geht um das Leben und darum, für das Leben eine Sprache zu finden.“ (Pina Bausch)

Unser Leben lang führen wir mehr oder weniger unbewusst kodifizierte, also angelernte Bewegungsmuster aus, die sowohl im sozialen wie im professionellen Kontext ganz bestimmte Bedeutungen und Funktionen haben sollen. Was aber passiert, wenn diese Funktionen oder Bedeutungen nicht mehr ausgefüllt werden können?
Graciela Gonzalez de la Fuente: „Wenn jemand mich fragen würde, was Tanz für mich bedeutet, würde ich zweifellos antworten: Füllung. Die Aus-Füllung jeder körperlichen Geste bzw. der unterschiedlichen Dimensionen dieser einzelnen Geste.“ In diesem Sinne ist jeder vorgegebene, gelernte oder neu erfundene Bewegungsablauf in sich eine Tanz Sequenz, die sich mit einer Absicht in einem bestimmten Raum und einer bestimmten Zeit entfaltet, auch etwas so alltägliches wie sich hinsetzen und wieder aufstehen. Für die beiden Frauen eine ganz unterschiedliche Herausforderung. Nur weil ihre Körper anders sind? 

Sie bittet mich: – Steig auf die Fußspitzen genau in der Zeit, in der ich mich auf den Stuhl setze und dann komm langsam wieder herunter auf die Fußsohlen, während ich wieder aufstehe. – Das Bild des Berges kommt mir wieder in Erinnerung. Dann greift sie ihren Gehstock und wir beginnen nach und nach mit der Erfindung unseres intimen tänzerischen Dialogs.

Projektbeschreibung Dimensionen

Es geht um Akzeptanz.
Es geht um das Leben.
Und das Leben ist hier und jetzt.
Akzep-Tanz üben.
Überlebens-Exerzitien.

Zur Gesamtästhetik und Poesie des Abends trägt der Einsatz von Videomaterial bei, welches das Live-Geschehen inhaltlich durchdringen und vertiefen soll.

Das Videobild agiert wie eine Art bewegliches Mikroskop, das den Bewegungen der beiden Akteurinnen im Nahbereich folgt und immer wieder isolierte Körperteile in den Fokus stellt, in der Absicht, die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf die pulsierende Schönheit des realen, physischen „Dramas“ zu richten, das bei der Überwindung der körperlichen und aber auch emotionalen Begrenzungen am Wirken ist.

Aus der künstlerischen Verschränkung von Videobild und Live-Szenen entstehen im Verlauf des Stückes komplexe Bild- und Erzählkompositionen über den kreativen und souveränen Umgang mit persönlichen wie auch gesellschaftlichen Behinderungen. Sie machen den Blick frei für neue Dimensionen physischer Intelligenz und geistiger Achtsamkeit, jenseits von Jugendlichkeitswahn, konsumorientiertem Gesundheitsfetischismus und industriell generierter, leerer Effizienzästhetik.

Von und mit: Steffi Tauber & Graciela González de la Fuente
Texte: Steffi Tauber & Graciela González de la Fuente
Regie, Choreografie, Bühne: Graciela González de la Fuente
Musik, Sounds: Steffi Tauber (Taika)
Projektionen: Laurenz Raschke
Assistenz: Dieter Krockauer
Licht, Technik: Siggi Ulm

 

Uraufführung: September 2017
Theater im g – werk Marburg

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